Hühnermanhattan-Kultur

Raum für Alle

Kategorie: Geschichte der Hordorfer Str. 4

2008

Zur Kulturgeschichte des Gaslichts

Dass die flackernden Gaslichter ein immer wechselndes Lichtspiel in Räume brachte, inspirierte Autoren immerzu Geschichten rund um das Gaslicht zu schreiben, die auch in einer Groschenheftreihe mit dem Titel Gaslicht mündete und seit 1970 bis heute wöchentlich als Romantic Triller erscheint. Oft zierte diese Groschenheftchen eine Illustration eines einzeln stehenden Hauses das mit Gaslicht beleuchtet wurde und im Vordergrund die eine Frau, die meist um die Liebe ihres Lebens kämpfen muss. Die Kurzromane haben Titel wie „Haus der toten Bräute“, „Nebelinsel“ oder „Haus der Tränen“. Aber auch bei Verlagen wie Suhrkamp erschienen Erzählungen in denen die Gasbeleuchtung beschrieben wurde.

In Hans Erich Nossacks Erzählung: Begegnung im Vorraum heißt es: „[…]Das Gaslicht puffte von dem Luftzug, dann zischte es wieder eintönig[…]“ oder in Manfred Bielers DTV Ausgabe Matrose in der Flasche: […]Wir standen im blauem Gaslicht[…]

Auch eine Fernsehverfilmung produzierte die ARD in den 70igern, ein Krimi mit dem Titel „Gaslicht“ Anneliese Uhlig und Theo Lingen in den Hauptrollen. Natürlich sei auch die Ingrid Bergmann Kinoverfilmung erwähnt: „Gaslight“ oder „das Haus der Lady Alquist“. Da spielen tatsächlich die Gaslichter an den Wänden eine gewichtige Rolle – wenn sie flackern oder ausgehen, hat der Täter die Hand im Spiel. Das Drehbuch ging auf den Patrick Hamilton Roman zurück, der auch ein Schauspiel dazu 1939 in London uraufführte. 1976 gab es das Stück sogar als Hörspiel des Bayrischen Rundfunks. Bei all den kulturellen Erzeugnissen werden immer einzeln stehende Häuser beschrieben oder bespielt, die durch den wohligen Gaslichtcharme immer auch etwas gruseliges haben und für das wilhelminische oder viktorianische Zeitalter stehen. Für die Steampunkkultur ist das Gaslicht und alle Formen um diese Leuchter, Lampen oder dazugehörigen technischen Anlagen ein wichtiges Element ihrer Retro-Futuristischen Ansichten. Auch der Franzose  Saint Exupery in seinem Buch „Der kleine Prinz“ greift das Gaslicht auf, in dem er seinen Protagonisten bei seiner Reise auf den fünften Planeten auf den Laternenanzünder treffen lässt. Dieser klagt: „Ich tue da einen schrecklichen Dienst.“ Denn der Planet dreht sich immer schneller, kürzer sind Tage und Nächte, kürzerer sind daher auch die Folgen in denen er die Lichter löschen und anzünden muss. Seine Weisung sei schon alt und erfolgte, als sich der Planet noch langsam drehte. Trotzdem sagt er sich von der Weisung nicht los und befindet sich im sprichwörtlichem Hamsterrad.


Zur Vergänglichkeit des Kulturgutes Gaslicht


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Jetzt verschrotteter Beno, zur Erzeugung von Gas zur Beleuchtung


Leider konnte ich in der Hordorfer Straße 4 in Halle mit dem Gerät im Jahr 2010 nichts anfangen. Es war eine Art Fass mit Zahnrädern dran und Rohrzuleitungen, die ich kappte um dann alles zu verschrotteten. Damit verschwand ein Überbleibsel aus der Zeit der Gasbeleuchtung. Wo was war ist nichts mehr und wo nichts war, ist was. Aber diese Verluste sind System  Mindestens vier der von Thiem dem Berliner Museen vermachten Gemälde holländischer Meister verbrannten 1945 in einem Flak Turm, wo sie in Sicherheit gebracht worden waren.

Es waren Kalfs Stilleben mit dem Nautilusbecher, Versproncks Bildnis einer jungen Frau, Backers Bildnis einer Greisin, P. Franchoys Bildnis eines jungen Mannes. Hedas Stillleben mit umgekippten Glas und Römerbecher. Die alten Meister waren damals out. Heute ist irgendwie die Moderne aus der Mode gekommen. Ich denke an den Abriss der Digitaluhr am Steintor in Halle, die ja aus der Produktion der Neontechnik stammte, nun ist die Zeit verschrottet und man hat seit 2009 wieder einen freien Blick vom Steintor auf den alten Wasserturm aus der Gründerzeit.


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Heute verschrottete Digitaluhr alles ist eben vergänglich und es ist immer 5 vor 12

verbranntes Bild mit Römer aus der Sammlung Thiem

verbranntes Bild mit Römer aus der Sammlung Thiem Heda, Willem Claesz war ein Hauptvertreter holländischer Meister der relativ monochromen Malzeitenstillleben des 17. Jahrhunderts

 

Heda, Willem Claesz war ein Hauptvertreter holländischer Meister der relativ monochromen Malzeitenstillleben des 17. Jahrhunderts

verbranntes Bild von Franchoys, Peeter aus dem frühen 17. Jhd.

 

verbranntes Bild von Franchoys, Peeter aus dem frühen 17. Jhd.

verbranntes Bildnis einer Greisin von Jacob Adriaensz Backer

 

Alles ist vergänglich auch die reich verzierten Prunkschalen und exotischen Früchte zeichneten Willem Kalfs Stillleben aus, die einen Einblick in den Überseehandel der

Alles ist vergänglich auch die reich verzierten Prunkschalen und exotischen Früchte zeichneten Willem Kalfs Stillleben aus, die einen Einblick in den Überseehandel der Niederlande um 1700 gaben. Auch dieses Gemälde verbrannte 1945


Auf den folgenden  Bildern sind original Gaslampen zu sehen, die in Bad Berka eingesetzt wurden. Gegenstände die bei Ebay nicht einmal für den einen Euro Startpreis verkauft wurden. Aber was soll die nostalgische Wehmut wegen alter Lampen? Heute gibt’s LED Lichterketten und leuchtende Winkekatzen.


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Gaslaterne ist aus Gleiwitz

Gaslaterne ist aus Gleiwitz

 

Die Familie Thiem hatte Verwandschaft in Gleiwitz in Schlesien, darum gab es auch dort die Benos aus Thiems Produktion

Die Familie Thiem hatte Verwandschaft in Gleiwitz in Schlesien, darum gab es auch dort die Benos aus Thiems Produktion


Aus dem Polytechnischen Journal von 1904 sind die Vorzüge von Thiem und Töwes Licht zu entnehmen: „Die Bedienung, die die Apparate verlangten, war eine sehr geringe; Nachfüllen des Hexans und Aufziehen des bei grösseren durch Motoren zu ersetzenden Gewichtes, was ohne Betriebsunterbrechung geschehen konnte, ist alles, dessen es bedarf. Die Betriebskosten waren gering; 1 m³ Gas kostete rund 10 Pfg. Die Kosten für die Anschaffung der Anlagen war ebenfalls gering. Es würde sich beispielsweise eine Anlage für einen Bedarf von 1000 Flammen die Anschaffungskosten für Apparate einschließlich der Errichtung der Gebäude auf rund 25000 M. belaufen; eine Anlage für 20 bis 30 Flammen kostet rund 700 M. – Die Kosten für 50 Hefnerlichtstunden werden mit 1,2 Pfennig angegeben.


Dass die beiden Medien Gas und Strom konkurrierten wird an den Reklamemarken sichtbar.

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Zurück in das Jahr 2012, dort habe ich in der Villa beim Renovieren trotzdem die alten Rohrleitungen aus der Decke gucken lassen, die früher fürs Gaslicht da waren. Einen originalen Abstellhahn fürs Gaslicht gibt es auch noch, der nach früheren Normen in 1,50 Meter Höhe angebracht wurde. Interessant ist auch das die ersten Lichtschalter für elektrisches Licht komplizierte Federmechanismen waren. Mit diesen Drehschaltern aus Bakelit wählten die Hersteller eine Form um der Benutzung des Gaslichts oder den noch älteren Petroleumlampen nahe zu kommen, denn diese drehte man schon seit einem Jahrhundert an oder ab.

Die Logos mit T&T erinnern durch Form und Farbigkeit an die berühmte Heiratsurkunde der Kaiserin Theophanu mit Kaiser Otto II, aus dem Jahre 972. Genauer an das Eschatokoll oder das Monogramm am Ende der Urkunde. Bruno Thiem war zwar nicht der von Magdeburg aus regierende Kaiser aber zumindest Bürgermeister. Auch die Ausgrabungen im alten Byzanz und die persische Teppichsammlungen von Adolph Thiem finanziert und angelegt sind eine Parallele zu der frühmittelalterlichen Heirat zwischen einer byzantinischen Prinzessin und dem Kaiser.


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Diese Gasarmaturen baute Thiem und Töwe.

Wie erwähnt stellte abends ein Simson Motorrad Fahrer die Gaslaternen an und morgens ab. Bis die Laternen durch Betonmasten auf der anderen Straßenseite  und Dampflampen ersetzt wurden. Die Schinkel-Gaslaternen aus verziertem Gusseisen wurden nach Düsseldorf verkauft.  Mit der Abwicklung der Laternen-Geschäfte war die berühmt-berüchtigte Kunst- und Antiquitäten GmbH aus dem Imperium des DDR-Devisenbeschaffers Alexander Schalck-Golodkowski beauftragt. Dieser soll auch die Idee zum Verkauf von Tausenden Gaslaternen ins westliche Ausland gehabt haben. (Zit: der Zündfunke, 2009, S.9-10). Mit den elektrischen Lampen und den 1500 Watt kamen aber neue Probleme in die Stadt Halle. Denn die verbrauchten mehr Strom als die Leitungen hergaben und als dann noch zu Honnecker‘s Besuch alles mit Neonreklamen erleuchtet werden sollte, stellte man kurzerhand das Licht auf der Magistrale aus um wenigstens an einem Abend den Boulevard komplett mit Reklamen zu beleuchten. Später gab es Abstell- und Leuchtzeiten.

Durch den Rückbau der Laternen beantwortet sich auch die Frage wieso in der Hordorfer Straße nicht der Fußweg beleuchtet ist und man nachts zu Fuß unterwegs ständig über Katzen und Igel stolpert, die ihr Unwesen treiben. Dafür ist die Porphyrsteinmauer des Nordfriedhofs auf der anderen Straßenseite erhellt.

Ab 1923 baute die AG Andreas Haazzengier Kühler- und Apparate. Es gab einige Patente von Thiem&Töwe auf Maschinen, wie mechanische und elektrische  Mühlen. Diese wurden beispielsweise in der Vierteljahresschrift des Apotheker Vereins 1919 beschrieben. Ein Kassenschlager war die Drogenmühle „Titöha“,  mit der in der 30iger Jahren viele Hersteller den Kautabak und stärkere Drogen zerkleinerten. In dieser Zeit kannte man die Realität der Wirtschaftskrise wahrscheinlich auch nur noch unter Drogen ertragen. Max Töwe verblieb nur noch kurz auf dem Gelände und brachte sich hier mit ein, bis er nach Italien ging und 1932 in Sizilien starb. Walther Thiem musste seinen Bruder  und seinen Vater 1923 zu Grabe tragen und verblieb dann in Starnberg im Haus seines Bruders, wo er wieder zu malen anfing. Walther Thiem arbeitete auch für IG Farben, die 1926 die Riebecksche Montanunion übernommen hatte, welche der wichtigste Handelspartner für Thiem & Töwe war, da er das Leichtbenzin für die Benoidapparate herstellte. Wieso Thiem und Töwe ab 1923 aus dem Betrieb ausschieden, lässt sich nur erahnen, wir haben die Zeit der Hyperinflation, der Reparationszahlung und des Niedergangs von Adel und Kaiser. Ab 1924 war Felix Rabe alleiniger Inhaber der Fabrik und warb mit der Herstellung von Autokühlern. Damit war Thiem und Töwe von nun an ein Zulieferer für den Automobilbau.


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Die Gaslampenfabrik

Auf dem Fabrikgelände von Thiem & Töwe in Halle entstanden ab 1902 Produktionsgebäude und es erfolgte 1906 der Umbau beziehungsweise die  Erweiterung eines bereits 1860 errichteten Kontorgebäudes in die heutige Jugendstilvilla, in der auch Walther Thiem lebte.


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Neben Gaszentralen baute Thiem&Töwe auch alle Arten von Wasserpumpen und Hauswasserwerke.  Damit konnte Thiem&Töwe nun eine Komplettversorgung für Häuser anbieten, die etwas abseits lagen. Stadtvillen im Speckgürtel oder Landsitze konnten damit denselben Luxus wie Licht und fließend Wasser bieten, wie er in den Ballungszentren möglich war. Denn in den großen Städten gab es ja die großen Gasometer und Wassertürme.


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Obgleich es bereits elektrisches Licht gab, hielt man gerade für größere Räume auf Bahnhöfen in Villen und Museen an der Gasbeleuchtung und der Verbesserung der Leuchtkraft fest. Diese war heller und sparsamer im Verbrauch als elektrisches Licht. Solange Arbeitskraft und damit verbundener Lohn nicht ins Gewicht fiel nahm man die wartungsintensiveren Gasanlagen billigend in Kauf. Die Glühstrümpfe mussten beispielsweise sechs Mals so oft gewechselt werden wie elektrische Glühbirnen. Hinzu kam das regelmäßige Auffüllen des Gasolins, dem Brennstoff, der mit Luft unter Druck in die Leitungen gepresst wurde.


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Die Ingenieursarbeit dazu wurde von Max Töwe geleistet, der 1903 ein neues Verfahren zur Erzeugung von Benoidgas entwickelt und patentiert hatte. Dieses Leuchtgas war sparsam im Verbrauch, brannte hell und war praktisch rußfrei.

1905 hatte Thiem & Töwe bereits etwa 400 dieser Maschinen im Einsatz, hauptsächlich jedoch nur für Einzelgebäude. Der erste Großauftrag Laternen für einen ganzen Ort, ließ den Sohn Walther 1905 um ein Darlehen des Vaters bitten, jener gab daraufhin seinen Rembrandt zum Verkauf frei. „Der Mann mit dem Stahlkragen“ kam so über die Paris-New Yorker Galerie Gimpel und Wildenstein für 120000 Dollar an Benjamin Altmann,  der das Gemälde später dem Metropolitan Museum schenkte. *(siehe Quelle 1) Da die Urheberschaft heute bezweifelt wird, könnte es durchaus sein, das Paul Thiem, der Maler aus Starnberg das Gemälde angefertigt hatte.


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Rembrandts „Der Mann mit dem Stahlkragen“


Die ersten beiden Großaufträge konnten vorfinanziert werden, so dass für Bad Berga und die Stadt Laage eine Anlage zur städtischen Versorgung eingerichtet werden konnte. 70 Hausanschlüsse und 30 Straßenlaternen wurden von zwei Maschinen mit einer stündlichen Gaserzeugungskapazität von 23 m³ versorgt.

In Bad Berka wurde die Firma Thiem & Töwe 1905 mit der Einrichtung einer Gaszentrale beauftragt, mit der das alleinige Recht zur Erzeugung, Abgabe und Verteilung von Licht und Heizung auf die Dauer von 30 Jahren verbunden war. Die Stadt verpflichtete sich, keine weiteren Licht- und Heizungsanlagen auf städtischem Grund und Boden zu gestatten. Die Zentrale wurde in der Bachgasse/Ecke Harthstraße (heutige Bachstraße 1) errichtet und ging am 1. Mai 1906 in Betrieb. Am 16. Mai wurde die mit Benoidgas betriebene Straßenbeleuchtung bestehend aus 48 Straßenlaternen eingeweiht.

Nachweislich wurde auch der Übergangsbahnhof in Skalmierzyce in Polen mit einer Anlage ausgerüstet. Für die damaligen Verhältnisse war es günstiger eine Gasanlage zur Beleuchtung zu betreiben. Das Licht war heller und man war unabhängig von Stromversorgern. Doch im Zuge der Elektrifizierung wurde die wartungsintensive Benoidgasanlage durch Glühlampen ersetzt.


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Übergangsbahnhof in Skalmierzyce in Polen


Adolph Thiems Sommerhaus befand sich in San Remo einem damaligen Hot Spot der politischen Elite. Sowohl Zar Nikolaus von Russland als auch englische Botschafter wohnten Haus an Haus mit dem deutschen Herrscher Friedrich dem III. Es war quasi das Wandlitz des Europas vor 1900.  Als die Geschäfte mit den Thieme&Töwe Komplettanlagen zu Beginn des 20 Jahrhunderts auf dem Höhepunkt und die Bilder an des Kaiser Friedrich Museum verkauft waren, errichtete Thiem zunächst einen Kursaal für Empfänge neben seiner Villa, und ließ diesen später umfangreich erweitern und von der Stadt Sanremo als Casino nutzen. So verwundert es auch nicht das zwischen dem 19. und 26 September 1920 die Alliierte Siegerkonferenz von Sanremo in Thiems Casino stattfand. Dort wurde die israelische Besiedlung Palästinas beschlossen. Ein Land, das zuvor weder elektrifiziert war, noch mit Wasser versorgt wurde.  Auch hier witterte Thiem Möglichkeiten Anlagen von Thiem&Töwe an Mann zu bringen, schließlich war er mit einigen Teilnehmern der Konferenz auch befreundet wie dem Earl of Poulett Hinton House.

Durch die Nähe zum Kaiser konnte Adolph Thiem noch vor dem ersten Weltkrieg lukrative Aufträge für Thiem & Töwe auch an andere Herrscherhäuser vermitteln wie aus oben abgebildetem Prospekt von 1914 hervorging. Gerade das Russlandgeschäft war ein lohnendes, da in einem Flächenland wie Russland lange vor der Elektrifizierung staatliche Stellen mit Gas, Licht und Wasser versorgt werden mussten. Insbesondere die abseits liegenden Übergangsbahnhöfe, also dort wo die Züge auf das breitere russische Gleis versetzt wurden, fand man die Thiemschen Anlagen. Da in mehreren Quellen Adolph Thiem auch Baron Thiem genannt wird, aber der Titel Baron um 1900 nicht mehr verwendet wurde, konnte dies nur durch eine Ausnahme zustande gekommen sein, er wurde von Zar Nikolaus dem II geadelt. Da der Titel Baron nur vom baltischen Adel vergeben wurde.

Neben der Würdigung durch die Verleihung des preußischen Kronenordens lag eine Erhebung in den Adelsstand nur Nahe. Die Verschärfung des politischen Tons aus Berlin könnte ein Grund gewesen sein, warum Thiem schon 1892 Deutschland Richtung San Remo verließ. Die Figur Wilhelm der II war innerhalb der Verwandtschaft in den Herrscherhäusern Europas nicht sehr angesehen und dieser von Minderwertigkeitskomplexen beseelte Mensch herrschte nun. Er hatte auch einige unpopuläre konservative  politische Entscheidungen getroffen, was die Museen anging. Sicher erinnerte sich Thiem auch an den Fehlwuchs des Kaisers seit frühster Kindheit, wo beispielsweise frisch erlegte Hasen ausgeweidet wurde und der 15 cm kürzere Arm Wilhelms in dem Kadaver Wachstumsschübe versetzt werden sollten. [vergl. John C.G. Röhl: Wilhelm. C.H. Beck 2013. S.12.]

In dem oben genannten Prospekt konnte Thiem & Töwe nicht nur mit direkt für die Kaiserliche Familie gebaute Anlagen werben, wie die für Prinz Eitel Friedrich von Preußen in dessen Jagdhaus „Esperort“ auf dem Dars.


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Prinz Eitel Friedrich von Preußens Jagdhaus „Esperort“


Thiem und Töwe schmückte sich neben einer endlosen Liste von Ämtern im In- und Ausland auch für die kaiserlichen Amtsgerichte in Elsaß und Lothringen, das Militäramt in Metz, die russische Kadettenanstalt in Odessa und sogar das königlich serbische Kriegsministerium. Es schien fast so als sei der ganze erste Weltkrieg im Schein der mit Benoid-Leuchten geplant worden zu sein und zwar von allen Kriegsteilnehmern. Dies war den Inhabern der Fabrik wohl auch bewusst, ansonsten wären sie wohl kaum auf den Slogan gekommen „Benoid Gas ist international über die ganze Erde verbreitet“


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Bis 1914 wurden 3000 Benoid-Gas-Anlagen verbaut, wie auch hier in der königlich  böhmischen Irrenanstalt Bohnice bei Prag. Tausende Anlagen hieß auch, diese mussten  versorgt werden mit Hexan, das die in Halle Saale ansässige Riebecksche Montanunion als Abfallprodukt bei der Öl- und Wachsproduktion in den Handel bringen konnte. Handelsname dieses Leichtbenzins war Gasolin, das spätestens ab 1920 als Warenname Einzug hielt.


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Königlich böhmischen Irrenanstalt Bohnice bei Prag


Im Zuge der Elektrifizierung und dem immer preiswerterem Strom, kam es aber zu Auseinandersetzungen zwischen Thiem & Töwe und der Stadt Bad Berka. Um die 30-jährige Sperrfrist zu umgehen, kaufte die neugegründete Bad Berkaer Gaswerksgesellschaft das Gaswerk für die Stadt zurück, 1923 wurde die Produktion von Gasapparaten eingestellt, aber es gab längst neue Anwendungen wie Hydraulikteile für Flugzeuge und Autos.

Ältere Nachbarn in der Hordorfer Straße dem Sitz der Thiem&Töwe, erinnern sich noch, dass es ein paar alte Straßenlaternen mit Gaslicht gab, die von einem Beno bis 1985 betrieben wurden, so nannte Thiem seinen Verdichter. Diese Nachbarn hatten einen Trick drauf mit einem kräftigen Fußtritt an den Laternenpfosten das Gaslicht an- oder abzustellen. Damit kamen sie dem Mopedfahrer zuvor, der in Dämmerung und im Morgengrauen angeknattert kam und mit einem langen Haken jede Laterne einzeln dimmte oder erhellte. In den Laternen glimmte am Tag immer so ein Glühstrumpf. Wenn man den in geschlossenen Räumen  ausblies konnte man sich zurücklehnen und langsam einschlafen, um nie wieder zu erwachen. So zum Beispiel zwei Lebensmüde in Franz Werfels Roman Abituriententag, der in der schönsten aller Städte, in Prag spielt.

Die Story über Richard Wagners Nase

Erstaunlich ist auch das Adolph Thiem eine Büste von Richard Wagner 1906 bei Fritz Schaper, einem halleschen Bildhauer, in Auftrag gab, um auf seine Kosten ein Denkmal in Venedig errichten zu lassen. Dazu musste Schaper sein bereits seit 1881 vorhandenes Tonmodel vergrößern.  Diese vergrößerte Skulptur steht heute noch am Sterbeort Wagners im Biennalepark Giardino Pubblico Venedig und schaut dort auf den Lido. Sie wurde als Ausstellungsbeitrag 1908 zu einer der ersten Biennalen Venedigs eingeweiht. Zahlreiche Abgüsse dieses größeren Originals sind heute in öffentlichen Sammlungen in Berlin oder in Eisenach in Wagner Museen zu finden. Als in Venedig unbekannte Vandalen die Nasen von Wagner und Verdi abschlugen plante Gabriel Machemer, der sich in der Tradition von A. Thiem verpflichtet sah, durch den Verkauf von zahlreichen Wagnerportraits die Restaurierung zu finanzieren. Leider kam nach anfänglichen Dankesworten von den für die Büsten zuständigen Betreibern der Biennale in Venedig keine weitere Antwort, so das die ersten gesammelten Gelder zum Bau eines etwas besseren Holzschuppens auf Thiems ehemaligen Fabrikgelände verwendet wurden. Das Gerücht die abgeschlagene Nase vom Wagner wäre nun am Volkmann Denkmal in Halles Magdeburger Straße verbaut worden, machte die Runde weil der Zufall es wollte, das die Nase vom stark verwitterten Leander Volkmann plötzlich in der Restaurierungszeit wieder aufgefunden wurde, kurz nachdem sie bei Wagner in Venedig fehlte.


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Von der Kerzenhandlung zur Gaslampenfabrik

Wie ein echter Rembrandt verkauft wurde, damit die Fabrik die Produktion aufnehmen konnte.


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Adolph Thiem (1832-1923) war ein Kunstmäzen, Sammler und Bankier aus Halle Saale, er finanzierte den Aufbau der Thiem& Töwe Gasbeleuchtungs Fabrik. das Bild ist dem Buch von Henry Thode entnommen: Paul Thiem und seine Kunst aus dem Jahr 1921

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„Adolph Thiem“ Gemälde des Starnberger Malers Franz von Lenbach


Das Gelände in der Hordorfer Straße 4 in Halle war von 1902-1923 im Besitz der Gesellschafter Thiem & Töwe, die Apparate zur Erzeugung von Benoidgas zur privaten und städtischen Energieversorgung herstellten. Das Geld stammte vom Hallenser Kunstsammler Adolph Thiem, der seinem Sohn Walther Thiem das nötige Kapital zur Errichtung der Fabrik verfügbar machte. Er verfolgte aber auch ganz praktische Interessen, nämlich eine angemessene Beleuchtung für seine Berliner Villa Sedantraße 10 zu finden und für das Sommerhaus in San Remo (Villa Nosedo) sowie die Thiem Villa in Starnberg, wo Paul Thiem der ältere Bruder von Walter Thiem wohnte, welcher ab 1880 Kunst in München studiert hatte.

Adolph Thiem verkaufte in dem Zusammenhang 1903 seine umfängliche Kunstsammlung an Kaiser Wilhelm für 480000 Reichsmark. Hierbei sei erwähnt, dass die Thiem-Sammlung  bei der Eröffnung des Bodemuseums in Berlin neben der Sammlung von James Simon zur umfangreichsten und wertvollsten zählte. Selbige hätte auf dem freien Kunstmarkt insbesondere in Amerika ohne lange Verhandlungen rund zwei Millionen Mark eingebracht. Thiem hatte 1902 noch diverse Angebote für seiner Niederländersammlung ausgeschlagen als er mit seinen Bildern er an einer internationalen Schau in Brügge teilnahm. Daher konnte und wollte Thiem die Bilder nicht verschenken.  Außerdem brauchte Thiem das Geld für seine Casinoanteile in Sanremo, das ab 1905 gebaut wurde.

Unter den Gemälden war auch das bekannte Bild „Das Ballsouper“ des Malers Adolf von Menzel. Dieses besticht durch die besonders ausgestalteten Kronleuchter und Lichtspiegelungen und war ein Auftragswerk Thiems, der scheinbar schon in den 1870iger Jahren einen Faible für Beleuchtung gehabt hatte. Schließlich mussten die Bilder holländischer Meister und der Schule von Barbizon zur Geltung gebracht werden. Interessant ist in dem Zusammenhang, dass Adolph Thiems Mutter eine Licht, und Seifenhändlerin war und einen Laden in der Leipziger Straße besaß. Von der Kerzenhandlung zur Gaslampenfabrik


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„Das Ballsouper“ Adolf von Menzel


Auch das Menzel Bild „Reisepläne“ war eine gewisse Zeit im Besitz von Adolph Thiem und der „Blick aus dem Zimmer“ darüber hinaus weitere Bilder wie „Siesta“ und „Dame bei der Toilette“ Thiem war für Menzel lange Zeit einer der wichtigsten Förderer, als es ihm finanziell in den 1870er Jahren nicht so gut ging, so die Menzelbiographen.


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„Reisepläne“ Adolf von Menzel


Die schönsten Gemälde insbesondere mehrere Gemälde der italienischen Frührenaissance behielt Thiem sein Leben lang wie den Tiepolo, der erst 1923 von seinem Sohn Walther weiterverkauft wurde und so nach Ottava in die kanadische Nationalgalerie kam, dank der sauber aufgeführten Proveniance Herkunftsnachweise, kann man sehr gut verfolgen wie dieses  Bild nach Kannada kam. Interessant ist zu diesem Bild noch das Paul Thiem der Maler seine Doktorarbeit über Tiepolo verfasste. Dank InternetSUCHTmaschinen findet man  verstreut über die ganze Welt den Namen Adolph Thiem in internationalen Museen in Sammlungen wie der Frick Collection das Bild Bildnis einer jungen Dame von ter Borch und hin und wieder Funde bei Christies in den Versteigerungen. Fälschlicherweise wird er auch als Alfred Thiem geführt, vielleicht wegen seines eigentlich despotischen Vornamens, bei dem man an Oberlippenbärtchen und Seitenscheitel denkt, mancherorts heißt er nur Baron Thiem aus San Remo oder A. Thiem. Zumindest kann man auch Tintorettos, Bildnis eines Knaben finden, das mit Thiem als Vorbesitzer geführt wird. In Thomas Hermsen Sachbuch: „Kunstförderung zwischen Passion und Kommerz: vom bürgerlichen Mäzen zum Sponsor der Moderne“, wird Adolph Thiem sogar in einer Reihe mit den wichtigsten Kunstsammlern des 19. Jahrhunderts genannt. Er sammelte auch Wandteppiche, wie aus den Akten des Kaiser Wilhelm Museums hervorgeht. Obgleich Thiem nach der Schenkung 1904 vertraglich festgelegt hatte, dass die Sammlung zusammenbleiben sollte, wurde 1938 unter anderem der Wandteppich „Raub der Europa“ an Hermann Göring verliehen und kam kurz vor Kriegsende nach Bonn und hängt dort heute im Rathaus. In der Liste der geraubten Kunst von Göring taucht auch der Name Thiem als Vorbesitzer bei Hans Rottenhammers Fehltritt des Kallistos auf


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